Alle sprechen von Barrierefreiheit – Barrierefreiheit im Gebäudebau, im Straßenverkehr, beim Einkaufen, in der Schule und so sprechen heute auch wir davon, und zwar von barrierefreiem Design.
Auch wenn auf den ersten Blick nicht sofort erkennbar, nutzt Barrierefreiheit uns allen: Menschen mit und ohne Behinderung, Senioren, Kindern, Eltern und Menschen, die nur vorübergehend in ihrer Mobilität eingeschränkt sind. Menschen, die wenig Deutsch sprechen, die nicht oder kaum lesen können oder sich an einem Ort nicht auskennen.
Und was Barrierefreiheit mit Empathie zu tun hat und nach welchen Kriterien man barrierefreie Typografie auswählt, erzähle ich euch heute.
Damit Informationen in Textform von Menschen mit Sehbeeinträchtigungen möglichst problemlos wahrgenommen werden können, gilt es bei der Wahl der Schrift auf vier Faktoren besonders zu achten: Erkennbarkeit, Unterscheidbarkeit, Offenheit und Strichstärkenkontrast. Diese wurden von der Redaktion von leserlich.info erarbeitet.
Die Erkennbarkeit ist die Eigenschaft von Schriftzeichen, leicht und korrekt erfasst werden zu können. Damit ein Buchstabe richtig identifiziert wird, muss dieser zunächst erlernt werden. Dieses Erlernen unterliegt kulturellen Konventionen. War etwa vor 100 Jahren die Frakturschrift noch ein typografischer Standard, so sind diese Schriften für LeserInnen der heutigen Zeit eher schwer zu entziffern. Im digitalen Zeitalter hat sich die serifenlose Linear-Antiqua (Grotesk) weitestgehend etabliert. Diese Schriftform prägt unsere Sehgewohnheiten heute am meisten, und sie wird daher für Menschen mit Sehbehinderungen besonders empfohlen. Von unkonventionellen, dekorativen Schriften ist unter dem Aspekt der Erkennbarkeit also generell abzuraten.
Die Unterscheidbarkeit bemisst sich anhand der typografischen Anatomie einzelner Zeichen innerhalb einer Schriftart. Erst wenn Buchstaben und Ziffern einen ausreichenden Kontrast zueinander bilden, werden sie besonders leserlich. Bei der serifenlosen Linear-Antiqua „Gill“ beispielsweise finden sich Zeichen, die überhaupt nur im Wortkontext voneinander unterscheidbar sind, da sie teilweise visuell identisch sind bzw. aus visuell identischen Zeichen bestehen. Anders bei der speziell für inklusive Leitsysteme entworfenen „Frutiger 1450“: Hier haben alle Zeichen einen eigenständigen Charakter, wodurch eine besonders leserliche Schrift entsteht.
Die Offenheit ergibt sich im typografischen Sinne dann, wenn die Ausläufe (Strichenden) der Buchstaben einen ausreichenden Abstand zu den anderen Zeichenformen haben. Dies sorgt dafür, dass Schriftzeichen bei schlechter Druckqualität, verschwommener Sicht oder ungünstigen Lichtverhältnissen nach wie vor unterscheidbar bleiben. Zur Verdeutlichung hier die Gegenüberstellung der „Arial“ (geschlossenes Formprinzip) und der „Frutiger 1450“ (offenes Formprinzip):
Beim Strichstärkenkontrast einer Schrift ist darauf zu achten, dass dieser nicht zu hoch ist. Klassizistische Antiquas z. B. haben üblicherweise einen hohen Kontrast zwischen Grund- und Haarstrichen. Dies kann dazu führen, dass feine Linien bei schlechter Druckqualität oder Beleuchtung „wegbrechen“. Barock- und Renaissance-Antiquas haben in der Regel einen geringeren Strichstärkenkontrast und sind daher für barrierefreie Gestaltung besser geeignet.
Zu den oft benutzten Schriften auf Microsoft Windows zählen die „Arial“ (serifenlos) und die „Times New Roman“ (serifenbetont). In puncto Leserlichkeit sind diese beiden Schriften aber nicht die beste Wahl, da sie nicht dem offenen Formprinzip folgen. Wer also für seine Projekte auf Windows-Schriften zurückgreift, dem empfehlen wir als bessere Alternativen „Verdana“ (serifenlos), „Calibri“ (serifenlos) oder „Garamond“ (serifenbetont).
„Comic Sans“ ist eine Schrift, die bei GestalterInnen so unpopulär ist wie kaum eine andere. Und auch bei Nicht-GestalterInnen ist sie mittlerweile Synonym für schlechte Qualität. Tatsächlich bricht „Comic Sans“ fast alle typografischen Regeln und sieht dabei auch nicht wirklich schön aus. Und gleichwohl erfüllt „Comic Sans“ alle oben beschriebenen Kriterien einer barrierefreien Schrift überraschend gut. Studien ergaben sogar, dass Kinder im Alter des Lesenlernens sowie Menschen mit Dyslexie durch Lernmaterial, bei dem „Comic Sans“ verwendet wurde, besonders gute Fortschritte machten. „Comic Sans“ wurde bei ihrer Entstehung zunächst von Hand geschrieben. Daraus ergab sich, dass alle Schriftzeichen einen ganz eigenen Charakter bekamen – und somit den Faktor Unterscheidbarkeit, der beim Lesenlernen besonders wichtig ist. Vor diesem Hintergrund ist der Einsatz von „Comic Sans“ vielleicht gar kein typografisches No-Go, sondern lediglich eine Frage des richtigen Kontexts.
Barrierefreie Typografie ist eine Disziplin, bei der sich die visuelle Ästhetik letztlich der Funktion unterordnen muss. Es geht dabei nicht um Design, das per se schön ist, sondern um Design, das funktioniert – und das für Personen mit und ohne Einschränkungen. Empathie gegenüber Menschen, die die Welt nicht so sehen können wie die Mehrheitsgesellschaft, ist dabei ein wichtiger Faktor, nach dem wir unsere Schriftwahl ausrichten sollten. Dazu gehört auch, sensibel zu sein für scheinbar marginale typografische Feinheiten. Denn diese können ausschlaggebend dafür sein, ob wir Mitmenschen vom Informationsaustausch ausschließen oder sie daran teilhaben lassen.
Quellenangaben: