Gendern – Gedanken aus dem Lektorat

Darüber, dass es ein berechtigtes Bedürfnis gibt, geschlechtergerecht zu formulieren, braucht wohl nicht mehr diskutiert zu werden. Der Lösung, wie dieses Bedürfnis jeweils umgesetzt wird, kann man* sich auf unterschiedliche Weise nähern.

Dazu ist zu überlegen, was für den jeweiligen Text im Vordergrund steht: Soll streng korrekt nach Duden formuliert werden, also etwa in einem amtlichen Zusammenhang? Wen spreche ich mit meinem Text überhaupt an (spezifischer oder nichtspezifischer Bezug auf eine Gruppe oder auf einzelne Menschen)? Wie lang ist mein Text und wie groß ist somit der Aufwand, der sich mit der einen oder der anderen Art des Genderns ergibt, wenn ich kontinuierlich bei der gewählten Form bleibe (was ich besser auch sollte)?

Eines einmal vorausgeschickt: Weder das häufig verwendete Sternchen (Asterisk) noch der sogenannte Gendergap (Unterstrich) sind vom amtlichen Regelwerk des Duden abgedeckt. Aber wer sich einmal auf der Internetseite duden.de ein wenig umsieht und in den Artikeln über das Gendern stöbert, wird feststellen, dass darin durchaus dafür geworben wird, auch diese nicht amtliche Form bei passender Gelegenheit zu nutzen. Ermutigend finde ich, dass insgesamt Kreativität befürwortet wird – immer im Rahmen eines guten Deutsch.

Ich rege alle Interessierten an, sich auf meiner Lieblingsseite duden.de einmal umzusehen. Es gibt viel zu entdecken! Weil ich den Umfang dieses Newsletters nicht sprengen möchte, hier eine völlig unvollständige, willkürliche und reichlich subjektive Auswahl an Möglichkeiten des Genderns:

Immer die weibliche Form verwenden und im Eingangsabsatz oder in einer ersten Fußnote den schönen Satz schreiben: „Zur besseren Lesbarkeit wird vorliegend nur die weibliche Form verwendet. Es sind stets auch Männer gemeint.“

In einem Text abwechselnd die männliche und die weibliche Form von Substantiven verwenden.

Kreativ sein: statt „Lehrer/Lehrerin“ besser „Lehrkraft“ schreiben, oder statt „Rednerpult“ einmal ein „Redepult“ in den Raum stellen. Und warum nicht statt „Alle Pächter sollen an der halbjährlichen Vereinssitzung teilnehmen.“ formulieren: „Alle, die einen Garten gepachtet haben, nehmen an der halbjährlichen Vereinssitzung teil.“?

Die amtlichen Formen nutzen: Lehrer(innen), Schüler/-innen.

In Texten, die dadurch nicht übermäßig viel länger werden, Doppelnennungen nutzen: „Liebe Kolleginnen und Kollegen, …“.

Die Möglichkeit nutzen, dass im Deutschen reichlich substantiviert werden kann: die Verwitweten, die Schreibenden, die Musizierenden – das hilft allerdings nur im Plural wirklich weiter.

Gender

Ich gebe offen zu, selbst mitten im Lernen zu sein und nicht immer zu wissen, wie ich mit geschlechterneutraler bzw. geschlechtergerechter Sprache umgehen oder diese sicherstellen soll. Dass mit den meisten der oben genannten Möglichkeiten etwa wiederum nicht-binäre Menschen unberücksichtigt bleiben, lässt mich noch ratlos zurück. Und wenn etwa ein Gendersternchen die Grammatik „zerschießt“, stellen sich mir, ehrlich gesagt, die Nackenhaare auf. Dabei ist z. B. die Schreibweise „Wir empfehlen allen Lektor/-innen, sich öfter einmal an die eigene Nase zu fassen!“ gemäß Duden auch grammatisch vollkommen in Ordnung. Doch auch hierfür wird man gemeinsam Lösungen finden können, denn im Agenturalltag ist es selbstverständlich so, dass im Austausch mit der Autorin oder dem Kunden geklärt wird, worauf es ihr oder ihm im Text besonders ankommt.

Ich wäre jedenfalls glücklich, wenn hierbei nicht bissig diskutiert würde, sondern wir alle uns darüber einig wären, dass wir im Prinzip respektvoll kommunizieren wollen. Zu respektvoller Kommunikation gehört aber immer auch Verständlichkeit. Denn wo bleibt denn der Respekt für die angesprochenen Menschen, wenn ich vor lauter Geschlechtergerechtigkeit in einem Text, dessen Inhalt etwa für Zuwanderer gedacht ist, durch Sternchen, Binnen-I usw. Textirritationen schaffe? Es gilt, offen und lernbereit zu sein, flexibel zu bleiben und sich nicht als allwissend und mit der allein selig machenden Wahrheit ausgestattet darzustellen. Finde ich. Obwohl – oder gerade weil – ich als Lektorin oft so tun muss, als wüsste ich genau Bescheid. Es gibt natürlich Schlimmeres … 😉

__

*Das Wort „man“ leitet sich zwar übrigens vom mittelhochdeutschen Wort für „Mann“ ab, hatte aber bereits damals die Bedeutung „Mensch“ und hat somit nichts Männliches mehr an sich. Oft wird „man/frau“ geschrieben, was für mein Gefühl reichlich daneben ist, da es das Wort „frau“ nun einmal nicht gibt. Es könnte analog Bezug genommen werden auf die mittelhochdeutsche Bezeichnung „frô“, was wiederum nur adlige und verheiratete Frauen umfasst – dann haben wir die nächste Diskriminierung auf dem Tisch! Es zeigt sich einmal mehr: Sprache unterliegt stets spannender Entwicklung, und man sollte als Lesende, Sprechende, Schreibende beweglich bleiben und auch einmal fünfe gerade sein lassen.

Profitipps von Tatjana Koch