Ein gutes Portrait – was ist das eigentlich?

Damals als es SCHLECKER noch gab ...

Als Portraitfotografin bin ich ständig auf der Suche nach inspirierenden Menschen und vor allem Gesichtern. Die Kulisse rings herum ist nicht unwichtig, tritt aber oft völlig in den Hintergrund, wenn ich etwas Besonderes in einem Menschen erkenne. 

Seit 2016 bin ich nun beruflich mit er Fotografie verbandelt, aber sie begleitet mich schon viel länger. Als Kind hab ichs geliebt mit dem Fahrrad zu SCHLECKER zu radeln und dort die dicken, mit frisch entwickelten Bildern gefüllten Umschläge abzuholen. Erinnert ihr euch noch an diesen Augenblick, wenn man die Hülle aufreißt und schaut, ob ein paar gelungene Abzüge dabei sind?   

Durch den Siegeszug der Digitalfotografie ist meine Überraschung heute nicht mehr ganz so groß wie damals und doch erlebe ich beim ersten Sichten einer Bilderstrecke immer wieder diesen magischen Moment, in dem ich an einem Bild hängen bleibe. Und so stellt sich mir die Frage: Was macht ein Bild zu einem guten Bild und welche Zutaten benötigt man für ein gelungenes Portrait?

Manchmal ist nicht der passende Hintergrund entscheidend, sondern die bequeme Sitzfläche.

Kleine Geschichte des Portraits

Der Begriff Portrait stammt ursprünglich aus dem Lateinischen protrahere, was so viel wie „entdecken, offenbaren“ bedeutet. Bereits in der Antike war die Darstellung der menschlichen Figur laut schriftlicher Quellen verbreitet und sie gehört zu den ältesten Motiven der Geschichte der Malerei und der Bildhauerei. Anfangs wurde auf das Wiedergeben individueller und persönlicher Attribute verzichtet, es standen andere, in dieser Zeit bedeutsamere Details im Vordergrund, wie beispielsweise die Ausarbeitung von Speer, Krone oder Standesabzeichen. Bereits im 14. Jahrhundert wurden nicht mehr nur Herrscher portraitiert, sondern auch Feldherren, Universitätsprofessoren und Künstler. Hundert Jahre später hatte sich der Trend der Portraitmalerei bereits auf Kaufleute, Bürger, Gelehrte, Beamte ausgebreitet und es wurden auch Portraits von Frauen angefertigt. Die Hochkonjunktur der Portraitmalerei wurde erst Mitte des 19. Jahrhunderts durch die Erfindung der Fotografie nach und nach abgelöst. Und auch hierfür ist die Begeisterung der Menschen bis heute ungebrochen, dem Smartphone sei Dank. 

Das Portraitshooting als Beziehungssituation

Laut Definition ist ein Portrait die künstlerische Darstellung eines Menschen und zeigt meist nur den Kopf- und Brustbereich. Doch gibt es mindestens zwei verschiedene Ansätze des Portraitierens: Zum einen die schlichte Darstellung der äußeren Hülle, oft geprägt durch ein gesellschaftliches Idealbild, um eine „schöne Ähnlichkeit, das heißt die Unterdrückung des Charakteristischen“ zu erreichen und zum anderen eine tiefere Auseinandersetzung zwischen Portraitierten und Fotografin, um ein Stück des Wesens des abgebildeten Menschen sichtbar zu machen. Letzteres ist in der Durchführung alles andere als leicht.

In seinem Aufsatz beschreibt der Psychologe und Philosoph Ulrich Metzmacher sehr treffend, was ein Portraitshooting eigentlich ist: „Bei der Portraitsitzung handelt sich um eine Beziehungssituation, die den Beteiligten vor und hinter der Kamera einiges abverlangt. Der oder die zu Portraitierende begibt sich mit einem bestimmten Selbstbild und, meist noch bedeutungsvoller, mit einem Idealbild der eigenen Persönlichkeit in die Sitzung. Der Fotograf oder die Fotografin verfügt hingegen über ein Fremdbild des Menschen vor der Kamera.“

Meiner Erfahrung nach braucht es für den beschriebenen Prozess vor allem eins: nämlich genügend Zeit, um überhaupt in eine Beziehungssituation einzutauchen und sich ein wenig kennenzulernen. Das Entstehen dieses notwenigen Raumes braucht gute Kommunikationsfähigkeiten und die Bereitschaft beider Seiten etwas von sich zu zeigen. 

Neben den dargestellten verschiedenen Herangehensweisen des Portraitierens spielen weitere Aspekte wie das Setting, Requisiten, Bildsprache und gestalterische Merkmale eine wesentliche Rolle, ob ein Portrait nun als gut bewertet wird oder eben nicht. Und auch hierbei muss man sich im Klaren darüber sein, dass die Bewertung eine rein Subjektive ist und das Geschmack im Zuge des gesellschaftlichen Wandels auch veränderbar ist.

Fazit

Letztlich entscheiden also die Betrachtenden über die Qualität eines Portraits: Fesselt mich das Bild? Bleibt mein Blick daran hängen oder gehe ich weiter? Die Schnelllebigkeit unserer Zeit und das Überflutet werden mit visuellen Reizen, macht diesen unbewussten Entscheidungsprozess nicht unbedingt leichter. Und doch gibt es sie noch, diese Begegnungen mit einem guten Portrait, an dem der Blick hängen bleibt, weil es berührt. 

Quellen

Profitipps von Julia Okon